
Richy Müller, geboren 1955 in Mannheim, ist eines der markantesten Gesichter des deutschen Films. Vor über 20 Jahren begann seine
Schauspielerkarriere mit dem Film "Die große Flatter", der für ihn gleichzeitig Debüt und Durchbruch war. Durch Filme wie "Irren ist Männlich", "Die
Apothekerin" oder "Die innere Sicherheit" erlangte er eine große Popularität. In seinem neuesten Film FARLAND von Michael Klier, spielt er einen
Menschen, der den Halt zum Leben zu verlieren droht. Er lernt eine junge Frau kennen, deren Schwester im Koma liegt und die ebenfalls dieses
verzweifelte Lebensgefühl empfindet. Zwischen den beiden entwickelt sich nach und nach eine zarte Liebesgeschichte. Auf dem Filmfest in
München stellte sich Richy Müller unseren Fragen zu seiner Rolle und den Bezug zu seinem eigenen Leben.
Wie geht man denn an so eine Rolle ran? Spricht man mit Angehörigen?
Nee gar nicht. Ich bin überhaupt nicht so ein Mensch, der recherchiert. Ich hab z.B. in dem Film "Zwischen Nacht und Tag", einen U-Bahn Fahrer
gespielt, vor dessen Zug sich eine Frau wirft. Da hat man mich gefragt, ob ich denn mit Betroffenen gesprochen habe. Aber das wäre quatsch, ich
kann das ja auch nicht nachspielen. Ich versuche das immer in mir zu finden. Meistens ist es so, dass ich Drehbücher lese und dann entsteht eine
gewisse Stimmung. Diese Stimmung versuche ich aufrecht zu erhalten. Und diese vervollständigt sich dann auch oft mit den Locations, Situationen
und wie die Partner sind.
Stichwort emotionaler Stillstand und entwurzeltes Lebensgefühl. Gab es in deinem Leben schon mal eine Situation, wo du gesagt hast, da war
ich auch wie vor den Kopf gestoßen. Sich so in diesem Zwischenzustand befindend, zwischen Hoffen und Verzweiflung.
Ja, das war extrem, als meine Mutter gestorben ist. Die Konfrontation mit dem Wissen, dass man jemand nicht mehr sieht. Wenn jemand verreist
oder sich von dir trennt, besteht immer noch die Möglichkeit, dass man ihn irgendwann einmal wieder trifft. Und im Zustand des Todes gibt es diese
eben nicht. Ich bin eine zeitlang total in der Luft gehangen. Wie funktioniert das? Wie kann man weiter existieren? Vor Kurzem hatten wir eine
Sitzung der Deutschen Filmakademie, bei der leider Peter Märtesheimer verstorben ist. Ich habe noch versucht, ihn zu reanimieren.
Während der Sitzung?
Ja, wir hatten keine Pause und er brach zusammen und es wurde nach einem Arzt gerufen. Dann kam ich hinzu und habe ihn da liegen sehen. Es
waren schon ein paar Leute dabei, ihm zu helfen, aber ich habe gesehen, dass das nicht so richtig läuft. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht
und habe eben versucht, ihn mit Hilfe eines anderen Gastes, zu reanimieren. Parallel dazu lief alles weiter, die Leute haben Suppe gegessen. Das
ist eben der Fakt, es sterben Leute und das Leben geht trotzdem weiter. Das war eben die Frage damals. Was ist, wenn meine Mutter, die ich mein
Leben lang kannte, plötzlich weg ist? Wie kommt man damit klar? Wie kriegt man das geregelt? Man weiß, man sieht sie nie wieder!
Wie kommt man damit klar. Wie kommst speziell du mit so einem Verlust klar?
Bist du ein Mensch, der gut mit Krankheiten umgehen kann oder verdrängst du das eher?
Wie geht man mit Krankheiten um? Das ist immer schwierig. Eine Krankheit macht einen immer solange unsicher, solange man nicht genau weiß,
was es ist. Wenn man glaubt zu wissen, was es ist, dann tritt oft die sogenannte mentale Heilung ein. Diese Unsicherheit dessen, was uns da wohl
drückt. Ist das jetzt ein Furz, der drückt oder ist es Darmkrebs? Diese Möglichkeiten gibt es, und dazwischen alle Variationen. Wenn man aber weiß,
es ist irgendwie eine Verstimmung dann denke ich ist die Beruhigung da in unserem Kopf und da kann dann langsam eine Heilung eintreten. Man
braucht ja oft gar nicht die Medikamente, das ist ja das was ganz wichtig ist, was früher ganz extrem war, das dieser Gott in weiß den Patienten im
Unklaren ließ und somit die mentale Heilung nie Einsetzten konnte. Ich hab auch immer wieder nachgefragt wenn ich bei Ärzten war, was ist das?
Aber andererseits ist es letztendlich der Umgang mit dem Tod der bei uns so ein bisschen verdrängt wird. Es sterben immer die anderen aber nicht
man selbst. Es gibt ja auch den Spruch: "Wenn ich mal sterben sollte." Das impliziert auch das man nicht stirbt, und das ist es eben. Man sollte es
nicht zu sehr verdrängen. Im Buddhistischen heißt es: "Die Geburt ist der Beginn sich mit dem Tod auseinanderzusetzen." Das ist unser Ziel. Wenn
man sich die Fragen nach einem großen Ziel stellt, ist das Ziel der Tod. Und wenn man das irgendwie in seinen Lebensinhalt mit einbezieht, kann
man die Angst verringern. Die natürlich in jedem von uns steckt.
In wie fern glaubst du denn daran das bei Koma Patienten das gute zureden hilf? Die Ärzte meinen ja ganz nüchtern, das bringt nichts, aber
viele bauen darauf.
Ja gut, das sind die Ärzte. Aber es ist gleichzustellen mit Kindern, die geboren werden und man kriegt gesagt, ach die kriegen ja noch gar nichts mit.
Das ist das gleiche. Wenn ein Kind nicht reden kann dann denkt man es versteht dich nicht. Und so bald es reden kann, redest du mit dem Kind als
würde es alles verstehen. Das ist eine Kluft. Und ich sehen das genau so, wenn jemand im Koma liegt. Es gibt sicherlich auch unterschiedlichste
Komaformen. Aber ich denke man redet ja auch mit einem Hund. Warum soll ich dann nicht mit einem Komapatienten reden. Das ist ja das absurde.
Keine Frage, da sitzt man da und erzählt Geschichten. Der eine kann es, der andere kann es nicht. Im Film sieht man das ja, eben diese
lethargische Haltung von Axel, der mal versucht den Namen zu sagen aber gar nicht rankommt und Angst hat vor Körperlicher Berührung. Und
Karla macht das eben, erzählt dann einfach Geschichten. Wie wenn man mit jemand redet. Aber man erwartet ja immer "Ach ja", "Nee erzähl",
"sach mal blos" und das kann eben nicht kommen. Und das hat ja teilweise schon therapeutischen Charakter. Eine Therapie ist nichts anderes als
wenn man jemand zur Verfügung stellt zuzuhören. Das ist nicht das der Therapeut sagt, jetzt machen wir das und dann ist alles in Ordnung.
Sondern einfach das jemand dasitzt und man kann reden. Reden ist ja letztendlich Therapie. Sich Sachen von der Seele reden die einen
Blockieren über Jahre. Und ich denke schon dass das ganz Wichtig ist
Wo liegt denn in deinem Leben das Beständige im Unbeständigen?
Also bei mir ist es so dass ich Neugierde praktiziere. Ich bin nicht festgefahren. Als ich z.B. "Die große Flatter" gemacht habe und über Nacht
bundesweit bekannt war, hab ich mir so ganz naiv gesagt: " ich hab's geschafft." Aber irgendwann hab ich gemerkt, was schafft man? Es gibt
nichts zu schaffen. Es gibt nur neue Aufgaben. Oder den Weg beschreiten. Und dann hab ich auch gemerkt dass alle mich kannten, aber ich hatte
nichts zu essen. Und wo ist da der Sinn der Sache. Also ich hab dann lieber was zu essen und mich kennt niemand als das ich von allen gekannt
werden aber ich hab nichts zu essen. Und das war so der erste Denkanstoss, es geht nicht um Popularität, die kommt zwangsläufig wenn du dich
mit Dingen der Öffentlichkeit beschäftigst, aber es geht darum das man versucht nächstenliebe zu praktizieren. Das man jedem dem man begegnet
eine Chance gibt. Zuzuhören, das man sich nicht in dieser privilegierten Welt, in der ich mich bewege, dann auch noch so benimmt als ob man
besser als Andere ist. Ich versuch mich immer zu orientieren an den normal Sterblichen. Freunde hab ich eigentlich in einem Kreis, der mit Film fast
nichts zu tun hat, und wenn dann aber nicht mit Schauspielerei. Die einzige Ausnahme ist Jürgen Vogel. Ansonsten hab ich mit Schauspielern
keinen permanenten Kontakt. Mich erhält der Moment am Leben, und der Moment der gestaltet sich unterschiedlich. Ich bin offen für Dinge. Und
das bringt mir eben auch Momente, wo ich dann mit Dingen plötzlich total von vorne anfange. Ich glaube auch dass mich das auf eine gewisse Art
jung hält. Ich hab über die ganzen Jahre mit vielen Leuten gearbeitet und dann stehst du vor denen und siehst du plötzlich so ein Alter, so was
Altgewordenes. Als ich "Die große Flatter" gedreht hab, mit Günter Lamprecht, war das für mich nicht ein alter Mann, ein erwachsener Mann. Aber
ich fühl mich nicht so. Ich fühl mich nicht erwachsen. Wenn ich mich unter jungen Leuten bewege dann fühle ich mich nicht alt, so wie wenn jedem
auffällt, was will der denn da. Ich glaub das ist die Offenheit dass ich zuhöre was die anderen Leute machen. Ich will auch wissen was meine
Tochter interessiert, z.B. Musik. Ich kenn doch die Sprüche noch: " Ach das ist doch Scheiß Musik, früher war alles besser." Ich hab die Beatles
gehört, bin teilweise mit den Stones groß geworden oder den Sex Pistols. Aber das ist Geschichte. Wenn ich jetzt noch festhalten würde an diesen
Dingen, würde ich in der Vergangenheit leben und würde mich somit alt machen. Ich hör mir die Sachen meiner Tochter an und fahr auch auf
Sachen ab die sie gut findet. Manches finde ich auch nicht so gut. Es gibt einen Dialog und somit ist man am Puls der Zeit. Ich glaube das ist
wichtig.
Du hast vorher schon von deinem Erfolg erzählt. Du warst bei "XXX" dabei, einer relativ großen Hollywood Produktion. Hast du dir danach
gesagt, da will ich vielleicht auch mal hin, ich will den Schritt über den großen Teich wagen? Oder willst du lieber hier in Deutschland
produzieren?
Also ich will in erster Linie hier in Deutschland produzieren. Weil ich finde das ist eine Frage der Herkunft, was man spielt. Ich kann nicht einen
Amerikaner spielen. Das wäre Quatsch. Einen Tschechen, Russen, ein blöder Deutscher oder so. Aber insofern ist natürlich interessanter von
Dingen zu erzählen, die man erlebt. Also die man spürt, Amerika kann ich ja überhaupt nicht begreifen. Früher hieß es die spinnen die Römer, jetzt
heißt es die spinnen die Amis. Es war mal lustig in so einer total fetten Kinoproduktion mitzumachen, die glaube ich 90 Millionen Dollar nur für die
Produktion hatten und noch mal 50 rausgehauen haben für die Werbung. Das Team war wirklich schön, es war erstklassig besetzt. Ein Oskar
Gewinner als Kameramann, ziemlich viele Operater die mit Gott und der Welt gedreht haben. Ich hab auch gemerkt dass die ich total respektiert
wurde in meiner Arbeit und das war für mich mehr oder weniger eine Generalprobe. Dafür das ich mit meiner Gelassenheit, die ich im Beruf
mittlerweile erreicht habe, mit jedem vor die Kamera treten könnte. Ich wäre zwar aufgeregt aber nicht ängstlich. Ich habe einfach gesehen dass es
funktioniert. Es war mal schön so ein Ding mitzumachen. Aber letztendlich ist es nicht mein Leben. Du musst dich permanent verkaufen und ich bin
kein Kaufmann. Und schon gar nicht mir mit selbst.
Weil du gerade Gelassenheit angesprochen hast. Ich hab ein Zitat von vor drei Jahren, aus einem Interview von dir: "Die Suche nach Ruhe
und Gelassenheit, der Versuch gewissen Ängsten ganz gelassen gegenüber zu stehen. Ich hab schon sehr viel Gelassenheit gefunden, arbeite
aber noch daran." Ist das besser geworden? Hast du die Gelassenheit mittlerweile ganz gefunden?
Im Beruf schon, das war damals auch schon so. Ich hab relativ früh verstanden dass man sich selbst unter Druck setzt in dem man sich die
Aufgabe stellt, ich muss gut sein, als Schauspieler. Und dann ist man eigentlich schon so eingeengt, dass man das nicht kann. Ich geh morgens hin
und höre mir an was jemand will und versuche das umzusetzen. Und sitze nicht abends zuvor Zuhause oder im Hotel, je nach dem wo ich bin, und
sage, also wenn ich morgen das mache und das fände ich dann noch gut. Es stimmt nicht, das ist so ein Einzelgänger Trip. Ich hab für mich ganz
früh herausgefunden dass ich nur ein Werkzeug des Regisseurs bin, der den Film macht. Und der sagt, ich sehe das so und so und ich versuche in
dessen Rahmen all meine Möglichkeiten auszuschöpfen, bis in die feinsten Poren. In so fern bin ich nicht kreativ. Ich bin nur Diener dessen. Weil
es macht ja jemand Anderer einen Film. Dann muss ich schon selbst einen Film machen. Aber wenn man sagt ich will jemanden sehen der so und so
rüberkommt, dann versuch ich das Darzustellen. Dann geh ich da morgens hin und dann hört man, oder spürt man, was jemand will und dann
versucht man das. In einer gemeinsamen Auseinandersetzung, ob das verbal, nonverbal oder körperlich ist. Und dadurch hab ich relativ schnell die
Angst verloren, zu versagen. Man ließt manchmal Szenen, und dann kann ich mich oft erinnern das man sagte: "O Gott wie soll ich das denn
hinkriegen? Wie soll ich denn weinen?" Und später hat sich dann rausgestellt, völlig falsch das der da weint. Während der Arbeit hat es sich
herauskristallisiert, das würde gar nicht passen, das wäre viel zu viel, oder man würde viel zu viel damit verraten. Also war die Sorge abends im
Hotel, diese schlaflose Nacht, völlig umsonst. Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen. Was soll ich mir abends den Kopf zerbrechen wenn ich
morgens nicht mehr wach werden weil ich sanft entschlafen bin. So sehe ich das.
Und das gelingt noch nicht so gut?
Doch, natürlich. Aber man hat immer wieder Rückfälle, man verfällt oft in Mechanismen die man lange gelebt hat. In so einer Zeit wo man relativ
unbewusst gelebt hat. Es gab auch eine Zeit wo ich von mir gesagt hab, ich bin halt so. Und das stimmt nicht, man ist immer nur so wie man sich
konditioniert, morgens. Wenn ich morgens aufstehe und denke, ach ist das ein scheiß Tag, dann ist der Tag scheiße. Aber wenn ich morgens
aufstehe und freue mich, und das liegt letztendlich nur an einem selbst, dann hat der Tag eine bessere Chance gut zu werden. Und so kann man
Ängste schüren, man kann aber auch Kraft schöpfen. Und man lässt sich von großen Rechnungen oder ausbleibenden Angeboten die Ruhe nicht
nehmen. Also wenn ich einer Phase wo vielleicht gerade nichts kommt, permanent rummsitzen würde und sagen, ach Gott wie soll ich meine Miete
bezahlen und wie geht den das. Dann ist es auch so. Ich weiß dann nicht wie ich meine Miete bezahlen soll. Und so hangele ich mich von einem
Tag zum anderen, versuch den zu genießen und so sorglos wie möglich im Sinne von, das man sich nicht irgendwelche Fragen stellt die man
sowieso nicht beantworten kann, zu leben.
Du drehst seit 20 Jahren Filme. Wie siehst du die Entwicklung des deutschen Filmes in dieser Zeit?
Keine Ahnung. Da blick ich überhaupt nicht durch. Ich finde immer das Vergangenheit, Vergangenheit bleiben soll und wir versuchen müssen
irgendwie den Moment zu leben. Ich dreh zurzeit mit sehr viel jungen Leuten, das knüpft an die Sache mit dem Frischbleiben an. Das ich für junge
Leute überhaupt existent bin. Also dass diese auf mich zukommen und wollen gerne mit mir arbeiten, aber nicht weil ich jetzt ein erwachsener bin
sondern weil die so eine Energie oder eine Intension haben wollen. Und das ist für mich ein Zeichen das ich auf dem Richtigen Weg bin. Zeigt aber
auch das unheimlich viele nachwachsen, eine neue Generation, und eben nicht mehr diese "No Future", sondern wirklich Leute die was wollen
und die sich mit Jungen Jahren schon mit Themen auseinandersetzten, wo man sagt, die haben echt aufgepasst und die kriegen mit, das es eben
nicht nur nett ist mal einen Film zu drehen und sich in der Szene Rumzutreiben. Die also wirklich was wollen, aber nicht weil sie Erfolg haben wollen.